Evangelische Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt

Aussen ev Kirche 1708

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Impuls zum Tag

Mittwoch, den 1. Juli 2020

Losung und Lehrtext

Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?, spricht der HERR. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der HERR. Jeremia 23,24
Wenn jemand Gott liebt, der ist von ihm erkannt. 1.Korinther 8,3

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser der Homepage,

die Älteren von Ihnen werden das vielleicht noch aus ihrer Kindheit kennen: Die elterliche Warnung, Gott sehe alles! In mir hatte sich diese Vorstellung schon früh festgesetzt. Kein guter Gedanke, wenn man mal etwas ausfressen wollte. Immer, wenn ich mich mal etwas Verbotenes traute – also nicht von Gott verboten, sondern von der Schule oder den Eltern zum Beispiel – wurde ich erwischt. Es schien die Bestätigung zu sein, dass Gott alles sieht und als so eine Art Ermittlungsbehörde für Eltern, Schulleiter und andere Autoritäten funktioniert. Zumindest der Jeremia-Text scheint ja in diese Richtung zu gehen. Allerdings sollte man nachlesen, um wen und was es hier geht. Der Prophet weissagt gegen die falschen Hirten Israels, Könige, Adlige, Priester und Propheten, die mit ihrem Tun Gott verspotten und das Volk auspressen und auf seine Kosten leben. Wenn es um diese Themen geht, tut mir der Gedanke der kontrollierenden und richtenden Gegenwart Gottes gut. Als Korrektiv für alle, die meinen, über jedem Gesetz zu stehen, tun und lassen zu können, was sie wollen. Die es zu allen Zeiten und in allen Gegenden der Welt gibt, da sollten wir uns nichts vormachen. Der Gott aber, der Himmel und Erde mit seiner Gegenwart erfüllt, leidet mit den Opfern, mit seiner Schöpfung und schaut nicht ungerührt aus der Ferne zu.
Was aber hat dieser geheimnisvolle Satz aus dem 1. Korintherbrief für einen Zusammenhang mit dem Jeremiawort? Auch hier geht es um die Gegenwart Gottes – aber in ganz anderer Weise. Wie bitte hängen Liebe und Erkennen zusammen? Ich will eine gewagte Antwort versuchen. In der hebräischen Bibel wird das Wort „erkennen" für die körperliche Liebe zwischen Frau und Mann verwandt. Wenn es also heißt „Er ging zu ihr ein – in ihr Zelt – und erkannte sie" dann hat Jakob mit seiner Rahel geschlafen. Für die Bibel sind die beiden dann „ein Leib". Für das, was geschieht, wenn ein Mensch Gott liebt, wird im Lehrtext aus dem Korintherbrief als mystische Verbindung davon gesprochen, dass Gott den Menschen „erkennt", also sich innig mit ihm vereint. In vielen Schriften der Mystiker*innen wird davon als der Unio Mystica, der Verschmelzung mit oder des Versinkens des Menschen in Gott gesprochen. Auch Paulus spricht immer wieder davon, dass Christus, dass Gott „in ihm lebt", er im Leben und im Sterben mit ihm vereint ist.
Bei Jeremia wird die Gegenwart Gottes stärker von außen her gedacht, als kontrollierende, richtende Gegenwart, als Gegenüber zu den Mächtigen, die sich vor nichts fürchten, als Schutz und Hilfe für die von ihnen Bedrohten. Im Korintherbrief wird die Gegenwart Gottes von innen her gedacht, als liebevolle Vereinigung mit dem Menschen. Beides sind Annäherungen an das Geheimnis, wie Gott in seiner Welt gegenwärtig ist und erfahrbar wird. Annäherungen, die stark geprägt sind von den Erfahrungen in bestimmten Lebenssituationen und Herausforderungen.
Zum Wort aus dem Korinthertext mag ein Satz des Mystikers Angelus Silesius mit Ihnen durch diesen und den kommenden Tag gehen:

Halt an, wo läufst du hin? Der Himmel ist in dir.
Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für.

Seien Sie Gott befohlen – bleiben sie behütet,
ob sie gesund bleiben oder erkranken!
Ihr Pfarrer Andreas Friede-Majewski