Evangelische Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt

Aussen ev Kirche 1708

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Im November 2020

Liebe Gemeinde in Bierstadt,

im November habe ich meinen Pfarrdienst in Bierstadt begonnen. Mein Umzug hat erfreulicherweise gut geklappt. Ich bin freundlich und herzlich vom Kirchenvorstand und einigen Gemeindemitgliedern empfangen worden. Das hat mich sehr gefreut.

Gerne würde ich ein paar Worte zur aktuellen Situation der Gemeinde sagen, die ich vorfinde. Seit Montag, den 2. November 2020, sind wieder Einschränkungen unseres gesellschaftlichen und kirchengemeindlichen Lebens wirksam. Damit die unkontrollierte Ausbreitung des Corona-Virus eingedämmt wird. Damit keine unkontrollierbare Lage im Land und im Gesundheitswesen entsteht. Vor solch einer Lage ist die Angst unter den Regierenden und in der Bevölkerung derzeit groß. Auch unsere Landeskirche hat den Kirchengemeinden dazu geraten, das Gemeindeleben für den Monat November ruhen zu lassen.

Seuchen und Pandemien haben Menschen und Völker zu allen Zeiten erlebt und durchlitten – mit mehr oder minder schwerem Verlauf und Ausgang. Auch Martin Luther, Urheber der protestantischen Bewegung, hatte im 16. Jahrhundert eine Seuche mit potentiell tödlichem Ausgang vor Augen. 1527 brach an seiner Wirkungsstätte in Wittenberg die Pest aus. Luther schrieb aus diesem Anlass: „Wenn Gott tödliche Seuchen schickt, will ich Gott bitten, gnädig zu sein und der Seuche zu wehren. Dann will ich das Haus räuchern und lüften, Arznei geben und nehmen, Orte meiden, wo man mich nicht braucht, damit ich nicht andere vergifte und anstecke und ihnen durch meine Nachlässigkeit eine Ursache zum Tode werde. Wenn mein Nächster mich aber braucht, so will ich weder Ort noch Person meiden, sondern frei zu ihm gehen und helfen. Siehe, das ist ein gottesfürchtiger Glaube, der nicht tollkühn und dumm und dreist ist und Gott nicht versucht."
(Luthers Werke, WA 5, Seite 334)

Das erste, das Luther empfiehlt, ist, sich an Gott zu wenden. Ich weiß nicht, ob Gott solche Seuchen schickt, wie Luther schreibt. Das gehört zu den Geheimnissen Gottes, die ich nicht ergründen kann. Aber ich glaube, dass Gott mit uns durch diese Tage geht. Ich glaube, dass Gott zum Beten ermutigt. Gott freut es, wenn wir zu ihm beten. Er lässt sich von unseren aufrichtigen Klagen und Bitten bewegen. Ein Gebet in dieser Lage könnte so klingen: „Sei uns gnädig und wehre der Corona-Pandemie, Herr."

Das zweite, das Luther empfiehlt, ist: Die Hilfen ergreifen und umsetzen, die uns gegeben sind: Räume lüften, Arznei nehmen und geben. Würde Luther heute leben, würde er vielleicht hinzufügen: Eine Maske an Orten tragen, wo viele Menschen zusammenkommen.

Das dritte ist schließlich die Rücksicht auf meine Mitmenschen: Ich meide Orte, wo ich nicht zwingend hin gehen muss. So schütze ich meine Nächsten. Darum geht es: Dass ich andere nicht anstecke oder ihnen im schlimmsten Fall sogar zur Ursache des Todes werde.

Und viertens ermutigt Luther zu einer gewissen Furchtlosigkeit und zum Mut – wenn ich gebraucht werde, dann gehe ich zum Mitmenschen und helfe, wo und wie ich kann. Ich gebe meinen Nächsten also nicht einfach auf, sondern schaue und höre, was er nun braucht.

Ich finde, das ist eine vernünftige und liebevolle Haltung. Sich selbst schützen, auf meine Mitmenschen achtgeben und die Hinwendung zu Gott - die Beachtung dieser Gesichtspunkte ist auch jenseits der Corona-Maßnahmen sinnvoll und dem Leben dienlich.

Gewiss – man kann die Pest, die Luther an der Schwelle zur Neuzeit erlebte, nicht mit der jetzigen Corona-Pandemie vergleichen. Die medizinischen Möglichkeiten sind heute andere als zu Luthers Zeiten. Auch die gesellschaftliche, wissenschaftliche und kirchliche Situation unterscheidet sich grundlegend zur Situation damals. Aber auch wir haben momentan mit einem Virus zu tun, das sich rasch verbreitet und einen tödlichen Ausgang herbeiführen kann. Noch ist das Virus nicht hinreichend erforscht. Darum sind Ungewissheit und Angst eine natürliche Reaktion.

Wie geht es weiter? Wann nimmt das alles ein Ende? Wir müssen mit dieser Ungewissheit erst einmal leben und damit umgehen. Ich bin sicher: Manches werden wir in der Mitte des neuen Jahres in einem anderen Licht sehen. Wir werden aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse und unserer Erfahrungen manches anders bewerten können als heute. Menschen und Gesellschaften lernen aus Krisenzeiten dazu.

Ich wünsche uns in diesen Novembertagen nun Geduld und Ausdauer. Ich wünsche uns auch den Blick dafür, was in dieser Situation trotz der Beschränkungen möglich und machbar ist -natürlich nicht tollkühn und leichtsinnig handelnd, sondern mit dem gebotenen Abstand und unter Einhaltung der geltenden Hygiene-Maßnahmen. „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Liebe und der Kraft und der Besonnenheit."
Bitte bleiben Sie zuversichtlich.

Herzliche Grüße

Pfarrer Philip Messner
Bierstadt, 6. November 2020