Predigten

Invokavit

Predigt am Sonntag Invokavit
Predigttext: 2. Korinther 6, 1 - 10
Prediger: Pfr. Andreas Friede-Majewski

1 Als Mitarbeiter Gottes ermahnen
wir euch, dass ihr die Gnade Gottes
nicht vergeblich empfangt.

2 Denn er spricht: »Ich habe dich
zur Zeit der Gnade erhört und habe
dir am Tage des Heils geholfen.« Siehe,
jetzt ist die Zeit der Gnade, siehe,
jetzt ist der Tag des Heils!

3 Und wir geben in nichts irgendeinen
Anstoß, damit unser Amt nicht verlästert
werde;

4 sondern in allem erweisen wir uns
als Diener Gottes: in großer Geduld,
in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten,

5 in Schlägen, in Gefängnissen,
in Verfolgungen, in Mühen, im
Wachen, im Fasten,

6 in Lauterkeit, in Erkenntnis,
in Langmut, in Freundlichkeit,
im Heiligen Geist, in ungefärbter
Liebe,

7 in dem Wort der Wahrheit,
in der Kraft Gottes, mit den Waffen
der Gerechtigkeit zur Rechten
und zur Linken,

8 in Ehre und Schande;
in bösen Gerüchten und
guten Gerüchten, als Verführer
und doch wahrhaftig;

9 als die Unbekannten und
doch bekannt; als die Sterbenden,
und siehe, wir leben; als die
Gezüchtigten und doch nicht getötet;

10 als die Traurigen, aber allezeit
fröhlich; als die Armen, aber die
doch viele reich machen; als die
nichts haben und doch alles haben.

 

Bildzeitung am 7,12, 2017
Keine gute Übersetzung – Papst kritisiert unser Vater Unser
07.12.2017 - 14:23 Uhr
Streit um das wichtigste Gebet der Christenheit – zumindest um die deutsche Übersetzung!
Papst Franziskus gefällt die Vaterunser-Bitte „führe uns nicht in Versuchung" nicht. Dies sei „keine gute Übersetzung", kritisierte er in einem Interview des italienischen Senders „TV2000", das am Mittwochabend ausgestrahlt wurde. Franziskus sprach davon, dass der Mensch in Versuchung „fällt". Doch es sei „nicht Gott, der den Menschen in diese Versuchung stürzt, um dann zuzusehen, wie er fällt".
„Ein Vater tut so etwas nicht; ein Vater hilft sofort wieder aufzustehen. Wer dich in Versuchung führt, ist Satan", so der Papst.
Der Tagesspiegel kommentiert den Vorstoß des Papstes: „Was für Außenstehende überraschend kam, wurde in anderen Ländern schon umgesetzt: Die römisch-katholische Kirche Frankreichs hat ihre Übersetzung des Textes zu Beginn des neuen Kirchenjahres am 1. Advent geändert. Dort heißt es jetzt „Lass uns nicht eintreten in die Versuchung". Die Schweizer Bischöfe wollen zu Ostern 2018 folgen. Auch die reformierten Kirchen der Schweiz reagieren positiv. Betont wird besonders der ökumenische Aspekt des Vaterunsers. Protestanten und Katholiken sollten weiterhin einen gemeinsamen Text beten können."


Liebe Gemeinde,

vielleicht haben sie am Beginn der vergangenen Adventszeit mit Erstaunen diese und ähnliche Schlagzeilen verfolgt. Sollten sich deutsche Altphilologen seit Luther tatsächlich an so zentraler Stelle bei ihrer Übersetzung des Vater Unsers getäuscht haben? Nun war der Papst bisher nicht als herausragender Altphilologe bekannt. Was zu der Annahme führt, dass es bei diesem Vorstoß nicht um eine Frage der Übersetzung geht, sondern um eine Frage der Deutung: Wer führt den Menschen in Versuchung? Es geht nicht um einige vertraute Worte des Vater Unsers. Es geht um unser Gottesbild.
Der Vorstoß des Papstes folgt alten biblischen und theologischen Spuren. Es ist nicht Gott, der verführt, sondern der Teufel. Damit wird das Böse und die Versuchung dazu aus Gott ausgegliedert und zur eigenen Instanz. Als ob das groß weiterhelfen würde. Denn die Frage, die sich dann sofort stellt, ist: Woher kommt der Teufel und warum bekommt er die Macht, mich in Versuchung zu führen? Will man nicht, wie schon frühchristliche Stimmen es getan haben, den Teufel als eine Art Gegengott installieren, dann lautet die Antwort: Auch der Teufel, oder weniger mythologisch ausgedrückt, auch das Böse, ist eine Schöpfung Gottes. Führt mich der Teufel in Versuchung, tut er dies nicht ohne Auftrag, Mandat oder doch zumindest Billigung Gottes. Alle Versuche, die Verantwortung für die Versuchung und das Böse von Gott weg auf andere Instanzen zu verlagern enden wieder - bei Gott. Es sei denn, wir lassen den einen Gott nicht Gott sein, sondern installieren gegen ihn einen Gegengott – wie immer wir den auch nennen mögen.
Das Gottesbild der Bibel ist vielfältig, tief und abgründig. Es gibt geheimnisvolle, schreckliche Seiten Gottes. Rätselhafte Seiten, die uns erschrecken. Es begegnet uns weder in der Bibel noch in unserem Leben immer und überall nur der liebe Gott und der treusorgende Vater, von dem Papst Franziskus spricht. Die widersprüchlichen Erfahrungen unseres Lebens lassen sich nicht immer mit dem Bild des fürsorglichen Vaters in Deckung bringen.
Denn unsere Welt ist kein Ponyhof. Es ist ein höchst widersprüchlicher, ambivalenter Ort, den Gott erschaffen hat. Ein Ort, an dem ich tiefes Glück, aber auch extremes Leid erfahren kann, unglaubliche Freude und schreckliche Angst. Ein Ort, an dem mir Liebe begegnet und Hass, Zärtlichkeit und Gewalt, Kraft und Gesundheit und Krankheit und Siechtum. Ein Ort, an dem ich jung und schnell sterben kann oder alt und nach langen Verfall und Leiden. In jedem Fall werde ich sterben. Schon das ist eine Zumutung, ja die Zumutung, die Versuchung Gottes. Diese Welt ist eben kein Paradies und kein Himmelreich und das Fatale ist: Vieles, was uns in dieser Welt widerfährt suchen wir uns nicht aus oder haben es in der Hand. Auch wenn wir immer so tun und meistens so leben, als hätten wir alles unter Kontrolle. In Vieles werden wir hineingeführt, erleben es und erleiden es. Ja, und Vieles davon kann zur Versuchung werden. Zur Versuchung, nicht mehr mit Gott zu rechnen und ihm nicht mehr zu vertrauen, weil er uns dorthin geführt hat, wohin wir nicht wollten. Wir bitten und beten dann oft gar nicht mehr darum, dass er uns vom Bösen erlöst. Dass er uns von der Stimme erlöst, die uns suggeriert, es gäbe ihn nicht, er könne dir nicht helfen, du seist in dieser abgründigen Welt auf dich allein gestellt. Nicht die Versuchung selbst ist ja das Böse. Das Böse ist, was die Versuchung aus uns macht. Die Macht, die wir der Versuchung dann geben, statt unserem Gott auch und gerade jetzt zu vertrauen.
Womit wir bei unserem Predigttext wären. Der das genaue Gegenteil davon widerspiegelt. Hören wir noch mal rein: „Sondern in allem erweisen wir uns als Diener Gottes: In großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Ängsten, in Schlägen, in Gefängnissen, in Verfolgungen, in Mühen." Das sind die Versuchungen, in die Paulus geraten ist. Er bezieht Prügel, wird in Haft genommen, gefoltert. Er ist in ständiger Ungewissheit, wie sein Leben weitergeht. Als er diesen Brief schreibt, ist er in Haft.

Wir müssen ja nicht weit schauen, um Menschen in ähnlicher Situation zu sehen. Im Kongo kamen Menschen aus dem Gottesdienst an Neujahr und wurden mit Gewehrfeuer vor der Kirchentür erwartet. Erschossen, weil sie Christen sind. Warum lässt Gott das zu? In welche tiefe Versuchung stürzt er damit die Angehörigen und Freunde der Opfer?
In der vergangenen Woche bekam ich ein Dokument aus der Verfolgungsgeschichte der Christen hier in Bierstadt zugesandt. Der Missionar Müller berichtet darin über die Umstände der Konfirmation 1935. Im Vorstellungsgottesdienst der Konfirmanden verliest der damalige Pfarrer, Vikar Ruhl, einen Aufruf der bekennenden Kirche. In diesem Aufruf wird die Gemeinde aufgefordert, den Hitlerkult nicht zum neuen Glauben zu machen, sondern bei Jesus Christus als dem alleinigen Herrn zu bleiben. Daraufhin steht sein Amtsvorgänger, Pfarrer Walter, auf und fordert die Gemeinde auf, den Gottesdienst zu verlassen. „Politik gehöre nicht in die Kirche." Er verlässt die Kirche, indem er die Kirchentür mit Wucht zuschlägt. In der darauffolgenden Woche verbietet die Kirchenleitung Vikar Ruhl, die Bierstadter Kinder zu konfirmieren und erteilt ihm und Missionar Müller Redeverbot in Bierstadt. Das ist der Anfang der Spaltung der Bierstadter Gemeinde und des Kirchenkampfes. Es ist also gerade mal 2 Generationen her, dass man auch hier in Bierstadt für seinen Glauben verfolgt werden konnte.
Aber es muss ja nun keine religiöse Verfolgung sein, die uns in Versuchung stürzt. Es muss ja nur einer aus unserer Familie von einem Arztbesuch nach Hause kommen und die Diagnose „Krebs" aussprechen. Dann ist die Welt eine andere geworden. Dann steht ein ganz großes „Warum" im Raum. Warum ich? Warum er? Warum wir? Da tut sich ein Abgrund von Versuchung auf.
Das sind nur zwei Beispiele der Versuchung, in die Gott uns führen kann. Jede und jeder hier könnte sie mit eigenen Beispielen ergänzen.
Paulus zählt in seinem Brief all das Böse auf, was ihm widerfährt. Aber er klagt nicht darüber. Er fragt auch nicht „warum"? Er nimmt es aus Gottes Hand und will sich darin bewähren. „Wir wollen uns darin als Diener Gottes erweisen." Der Gaube, das Vertrauen, die Macht Gottes erweisen sich für ihn nicht an sonnigen Tagen und in einem guten Leben. Sondern in der Versuchung. Nicht deshalb, weil er, Paulus, so ein Übermensch und Glaubensheld ist. Sondern weil in der Versuchung, dort, wo er an Grenzen kommt, sich Gottes Kraft und Macht an ihm erweist. Er schaut nicht auf den abgründigen, erschreckenden Gott, der ihn in die Versuchung führt. Er schaut auf Christus, der diese Abgründe wie er durchlitten hat und jetzt an seiner Seite ist. Der in ihm lebt als der auferstandene Herr, der ihn trägt, erlöst, ihn vollkommen ausfüllt. „Nicht ich lebe, sondern er lebt in mir" sagt er an anderer Stelle. Was das in der Versuchung für Wirkungen hat, wie sich das in seinem so angefochtenen Leben äußert, bringt er jetzt in verwirrende Worte: "Wir leben als die Sterbenden, und siehe, wir leben; als die Gezüchtigten und doch nicht getötet; als die Traurigen, aber allezeit fröhlich; als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben und doch alles haben."

Paulus formuliert Gegensätze: Wir leben als die Sterbenden, aber siehe, wir leben! Ja, was denn nun Paulus, will man einwenden. Entscheide dich mal! Aber nein: er meint es genauso! Er ist vom Tod bedroht – aber er hat das zukünftige Leben vor Augen. Er ist am Ende seiner Kräfte – aber es fließt ihm neue Kraft zu. Er hat allen Anlass zu Angst und Trauer – und strahlt eine große Zuversicht und Freude aus. Er ist am Ende und spürt, dass Christus erst am Anfang mit ihm ist. Dass da eine große Kraft in ihm wirkt, die ihn durch alle Versuchungen durchtragen wird.
Ja, wir können Gott bitten, dass er uns nicht in Versuchung führt. Dass alles Böse von unserem Leben fernbleibt. Aber wir können weder ein Leben lang damit rechnen, dass das so sein wird, noch können wir meinen, aus welchem Grund auch immer, gar einen Anspruch darauf zu haben. Weil das so ist, endet das Gebet Jesu auch nicht mit dieser Bitte. Sondern mit den Worten: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Wenn das so ist. Wenn wir darauf vertrauen können. Dann kann kommen, was will. Wir sind und bleiben in guten Händen, auch in der Versuchung. So wie Christus in seiner Versuchung, seinem Leiden und Sterben, das uns durch die kommenden Wochen der Passionszeit wieder begleiten, stärken und aufrichten will. Eine Zeit, die mit dem Fest seiner Auferstehung endet, dem großen Sieg über den Tod, an dem Gott triumphiert hat.

Denn sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

Amen