Predigten

Laetare

Predigterzählung am Sonntag Laetare
Predigttext: Philipper 1, 12 - 26
Prediger: Pfr. Andreas Friede-Majewski

 

12 Ich lasse euch aber wissen,
liebe Brüder: Wie es um mich
steht, das ist nur mehr zur
Förderung des Evangeliums geraten.

13 Denn dass ich meine Fesseln
für Christus trage, das ist im ganzen
Prätorium und bei allen andern
offenbar geworden,

14 und die meisten Brüder in
dem Herrn haben durch meine
Gefangenschaft Zuversicht gewonnen
und sind um so kühner geworden,
das Wort zu reden ohne Scheu.

15 Einige zwar predigen Christus
aus Neid und Streitsucht, einige
aber auch in guter Absicht:

16 diese aus Liebe, denn sie
wissen, dass ich zur Verteidigung
des Evangeliums hier liege;

17 jene aber verkündigen Christus
aus Eigennutz und nicht lauter,
denn sie möchten mir Trübsal
bereiten in meiner Gefangenschaft.

18 Was tut's aber? Wenn nur
Christus verkündigt wird auf jede
Weise, es geschehe zum Vorwand
oder in Wahrheit, so freue ich mich
darüber. Aber ich werde mich auch
weiterhin freuen;

19 denn ich weiß, dass mir dies
zum Heil ausgehen wird durch euer
Gebet und durch den Beistand
des Geistes Jesu Christi,

20 wie ich sehnlich warte und
hoffe, dass ich in keinem Stück
zuschanden werde, sondern
dass frei und offen, wie allezeit
so auch jetzt, Christus verherrlicht
werde an meinem Leibe, es sei
durch Leben oder durch Tod.

21 Denn Christus ist mein Leben,
und Sterben ist mein Gewinn.

22 Wenn ich aber weiterleben
soll im Fleisch, so dient mir das
dazu, mehr Frucht zu schaffen;
und so weiß ich nicht, was ich
wählen soll.

23 Denn es setzt mir beides hart
zu: ich habe Lust, aus der Welt
zu scheiden und bei Christus zu
sein, was auch viel besser wäre;

24 aber es ist nötiger, im Fleisch zu
bleiben, um euretwillen.

25 Und in solcher Zuversicht
weiß ich, dass ich bleiben und
bei euch allen sein werde,
euch zur Förderung und zur
Freude im Glauben,

26 damit euer Rühmen in
Christus Jesus größer werde
durch mich, wenn ich
wieder zu euch komme.

Hoffen können, auch in tiefster Nacht.
Leben können, hier und jetzt und dort.
Spüren, dass da etwas folgt,
noch nicht da,
doch schon nah,
doch schon nah.
 

Liebe Gemeinde,

Paulus ist – einmal wieder – gefangen. Wir wissen nicht, warum. Wir wissen nicht, wo. Vermutlich in Ephesus. Er wird wohl im Sitz des Provinzgouverneurs, im Prätorium, festgehalten. Es scheint keine strenge Haft zu sein. Er kann Schreiben, wohl auch Besuch empfangen. Er wartet auf sein Urteil.
Paulus schreibt an seine Lieblingsgemeinde, die Gemeinde in Philippi. Es ist die erste christliche Gemeinde auf europäischem Festland – vielleicht hat er sie deshalb besonders ins Herz geschlossen. In Philippi liegen unsere Wurzeln als Christen. Philippi ist eine römische Soldatenkolonie. Immer wieder haben Kaiser entlassene Legionäre dort angesiedelt. Ein römischer Legionär wurde nach 25 Jahren Dienst entlassen und mit einem Land- oder Geldgeschenk versorgt. Wenn er bis dahin überlebt hatte. 25 Jahre Kriegsdienst in einem Land, das nahezu immer im Krieg war. Ihre Frauen und Kinder hatten die Männer in diesen 25 Jahren wenig gesehen. Hinter ihnen lagen 25 Jahre Entbehrungen, Grauen, seelische und körperliche Verstümmelungen. Sie wussten, was Leid, Schmerz und Tod bedeutete. In der Gemeinde in Philippi muss es eine Menge ehemaliger Legionäre gegeben haben. Männer, die jetzt einem Mann folgten, den ihre Kameraden als Aufständischen gefoltert und gekreuzigt hatten. Solche Hinrichtungen hatten sie alle vermutlich oft genug erlebt und auch vollzogen – es war die Standardstrafe Roms in den aufsässigen Provinzen nach der Unterwerfung durch Rom.
Diesen Männern schreibt Paulus aus der Haft. Sein Schicksal ist ungewiss – die Kreuzigung ist immer eine Option, auch für seine Richter. Wie schreibt man in solch einer Situation an Menschen, die einem verbunden sind, einem lieben?
Paulus schreibt heiter, in großer Gelassenheit und Dankbarkeit. Scheinbar vollkommen unberührt von seiner Situation. Wie verblüfft müssen die ehemaligen Legionäre sein von diesem Brief: Sie wissen, was ihm blühen könnte, sie kennen das Grauen nur zu gut, das ihn erwarten könnte. Aber statt Angst und Verzweiflung: Gelassenheit, stille Freude, Heiterkeit. Wie ist das zu erklären?
Paulus selbst erklärt es in seinem Brief. Zwei Gründe führt er an:


1. Durch seine Verhaftung ist seine Botschaft von Jesus in aller Munde. Die ganze Stadt und auch seine römischen Gefängniswärter wissen, dass er seine Fesseln für Jesus trägt. Die anderen Christen der Stadt haben sich durch seine Verhaftung nicht mundtot machen lassen – im Gegenteil: Sie setzen die Predigt des Paulus umso mutiger und kühner fort. Allein dafür lohnt sich die Gefangenschaft: Nichts überzeugt die Menschen seiner Zeit mehr von der Wahrheit einer Botschaft als die Tatsache, dass einer bereit ist, für seine Botschaft zu leiden. Und zu sterben. Alle Heiligen der ersten Jahrhunderte sind Märtyrer und nichts hat der christlichen Urgemeinde mehr Zulauf beschert als ihre Bereitschaft, für Christus, für die Wahrheit ihres Glaubens zu sterben.
2. Paulus ist längst gestorben. An jenem Tag, als ihm, der die Christen verfolgte, der auferstandene Jesus begegnet ist. Da ist Paulus, der eigentlich ja Saulus hieß, gestorben. Blind und vollkommen orientierungslos wurde er von Christen, die er hatte töten wollen, aufgenommen. Ohne sie wäre er wohl damals schon gestorben. Sie pflegten ihn gesund. Sie halfen ihm verstehen, was geschehen war. Sie werden ihn auch getauft haben. Das war der Tag seiner Auferstehung. Aber ich sollte besser sagen: Der Auferstehung Jesu in ihm. Die Begegnung mit dem, den er verfolgt hatte, den er für tot gehalten hatte, dessen Auferstehung er für eine Lüge hielt, als Fake-News abtat, hatte alles verändert. Er war gestorben und mit Jesus auferstanden: „Denn Christus ist mein Leben" schreibt er seiner Gemeinde. Er hat Christus verfolgt, Menschen gefoltert und getötet, die an Christus geglaubt hatten. Wenn er nun für Christus leiden musste, wenn ihm geschah, was er anderen angetan hatte, dann konnte und wollte er das gerne annehmen. Denn der Tod macht ihm keine Angst mehr. Seit jener Begegnung weiß er: „Sterben ist mein Gewinn!" Ja er sehnt sich danach, mit dem, der ihm damals begegnet ist, endlich vereint zu sein.

Wie immer diese Sache also für ihn ausgeht: Sie wird gut für ihn ausgehen. Bleibt er am Leben, freut er sich auf einen Besuch bei seiner Gemeinde in Philippi. Wird er sterben, freut er sich auf die Gemeinschaft mit Christus. Das gibt ihm diese unglaubliche Gelassenheit und Ruhe.

Sehen können, was kein Auge sieht.
Hören können, was das Ohr nicht hört.
Spüren, dass da etwas ist,
noch nicht da, doch schon nah,
doch schon nah.

Stehen können, wo sonst Laufen zählt.
Warten können, still in sich vergnügt.
Spüren können, dass da etwas wird –
noch nicht da, doch schon nah,
doch schon nah.

Träumen können, mehr als einen Traum.
Glauben können, was unglaublich schien.
Spüren, dass da etwas kommt,
noch nicht da, doch schon nah,
doch schon nah.

Eugen Eckert drückt in seinem Lied auf für mich eindrucksvolle Weise aus, was ich in unserem Predigttext finde. Dieses Spüren für etwas, was wir nicht sehen, nicht hören, nicht begreifen können. Was noch nicht da ist, aber nah, spürbar nah. Jetzt schon – und doch noch nicht. Nicht auf die Ketten sehen, sondern auf den, der alle Ketten zerbrechen wird. Nicht auf die Mauern sehen, sondern auf den, den keine Mauern halten. Nicht auf den Tod sehen, sondern auf den, der den Tod überwunden hat. Der immer schon nah ist, nicht nur Paulus nah, sondern dir und mir nah. Nicht da, nein, nicht da, greifbar, fassbar, von uns vereinnahmbar. Aber immer schon und überall nah. Spürbar nah. Gerade und immer dort, wo seine Geschwister leiden, wie Paulus. Mitleidend da, weil er die Tiefen des menschlichen Leidens kennt. Weil er als der Auferstandene die Zeichen der Folter und des Todes an seinem Körper trug. Weil er das Leid durch seine Auferstehung hindurch vor Gott getragen hat, als der Leid-Tragende da ist. Nicht als der Glorreiche, von allem Leid Unberührte, zu dem er oft gemacht wurde. Das Symbol der frühen Christen für ihn ist das Lamm – das Tier, das in allen Tempeln und Kulten das Opfertier schlechthin war, leidende Schöpfung par exelance. Das Lamm ist da für uns – nicht der siegreiche Löwe. Das Lamm überwindet das Leid, wischt unsere Tränen ab. Schenkt uns neue Kraft aus seiner Kraft.

Heilen können, was unheilbar galt.
Teilen können, weil's für alle reicht.
Spüren, dass da etwas glückt,
noch nicht da, doch schon nah,
doch schon nah.

Noch nicht da, doch schon nah. Nah bei den Männern und Frauen unserer Gemeinde, die mit schweren Krankheiten kämpfen und denen, die um sie bangen und mit ihnen hoffen. Nah bei denen, die auf dem Sterbebett liegen und denen, die sie begleiten. Nah bei denen, die in Ost-Ghuta unter ständigem Bombardement leben, allen Uno-Resolutionen zum Trotz. Nah bei denen, die auf der Flucht aus diesem Wahnsinn sind und auf die Barmherzigkeit ihrer Nachbarn angewiesen sind. Nah bei euch allen, die ihr mit Sorgen und Nöten ringt, von denen wir, die wir neben euch sitzen oder hier vorne stehen, nichts ahnen. Das dürfen wir glauben. Darauf dürfen wir vertrauen. Diese Nähe werden wir spüren, wenn wir sie zulassen und suchen. So, wie Paulus sie gespürt hat und dadurch ruhig wurde und eine heitere Gelassenheit geschenkt bekam.

Laufen können, wo kein Weg mehr ist.
Lachen können, wo das Auge weint.
Spüren, dass mich einer trägt,
noch nicht da, doch schon nah,
doch schon nah.

Spürt sein Nah-Sein für euch. In allem, was euer Herz bewegt.
In allem, was euch widerfährt und geschieht.

Amen