Predigten

13. Sonntag nach Trinitatis

Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis (Stichwortkonzept)
Predigttext: 1. Mose 4, 1 – 16a Kains Brudermord
Prediger: Pfr. Andreas Friede-Majewski

Kains Brudermord

1 Und Adam erkannte sein
Weib Eva, und sie ward
schwanger und gebar den
Kain und sprach: Ich habe
einen Mann gewonnen
mit Hilfe des HERRN.

2 Danach gebar sie Abel,
seinen Bruder. Und Abel
wurde ein Schäfer, Kain
aber wurde ein Ackermann.

3 Es begab sich aber nach
etlicher Zeit, dass Kain dem
HERRN Opfer brachte von
den Früchten des Feldes.

4 Und auch Abel brachte
von den Erstlingen seiner
Herde und von ihrem Fett.
Und der HERR sah gnädig
an Abel und sein Opfer,

5 aber Kain und sein Opfer
sah er nicht gnädig an.
Da ergrimmte Kain sehr
und senkte finster seinen Blick.

6 Da sprach der HERR zu Kain:
Warum ergrimmst du? Und
warum senkst du deinen Blick?

7 Ist's nicht also? Wenn du
fromm bist, so kannst du
frei den Blick erheben.
Bist du aber nicht fromm,
so lauert die Sünde vor der
Tür, und nach dir hat sie
Verlangen; du aber herrsche
über sie.

8 Da sprach Kain zu seinem
Bruder Abel: Lass uns aufs
Feld gehen! Und es begab
sich, als sie auf dem Felde
waren, erhob sich Kain wider
seinen Bruder Abel und
schlug ihn tot.

9 Da sprach der HERR
zu Kain: Wo ist dein
Bruder Abel? Er sprach:
Ich weiß nicht; soll
ich meines Bruders Hüter sein?

10 Er aber sprach: Washast
du getan? Die Stimme des
Blutes deines Bruders
schreit zu mir von der Erde.

11 Und nun: Verflucht seist
du auf der Erde, die ihr Maul
hat aufgetan und deines
Bruders Blut von deinen
Händen empfangen.

12 Wenn du den Acker bebauen
wirst, soll er dir hinfort seinen
Ertrag nicht geben. Unstet
und flüchtig sollst du sein
auf Erden.

13 Kain aber sprach zu dem
HERRN: Meine Strafe ist zu
schwer, als dass ich sie tragen
könnte.

14 Siehe, du treibst mich
heute vom Acker, und ich
muss mich vor deinem
Angesicht verbergen und
muss unstet und flüchtig
sein auf Erden. So wird mir's
gehen, dass mich totschlägt,
wer mich findet.

15 Aber der HERR sprach
zu ihm: Nein, sondern wer
Kain totschlägt, das soll
siebenfältig gerächt werden.
Und der HERR machte ein
Zeichen an Kain, dass ihn
niemand erschlüge, der
ihn fände.

16 So ging Kain hinweg
von dem Angesicht des
HERRN und wohnte im
Lande Nod, jenseits von
Eden, gegen Osten.

 

Genesis 1-11: Menschheitsthemen; Gottes Zuwendung zum Menschen als seinem Ebenbild.

Ur-Geschichten, um uns selbst und unsere Welt besser zu verstehen.

Geschichten, die nicht von historischen Anfängen erzählen, sondern vom Anfang allen Lebens, von Urthemen der Menschheit.

Hinter der Menschheit liegt das Paradies – Vertreibung geht unmittelbar voran: Was erwartet Menschen jenseits des Paradieses?

Antwort 1: Kain und Abel – der Mensch wendet sich gegen den Menschen.

Ausgangspunkt: Kein Geschwisterkonflikt, sondern ein Vaterkonflikt.

Familiärer Alltag: Ungleichbehandlung durch Gottvater
Menschliche Urerfahrung: Gottes Liebe ist ungleich verteilt...

Gibt es Gründe? Eine mögliche Spur: Kain der Erstgeborene, der Erbe, der Landbesitzer: Ackermann. Abel der Zweitgeborene, ungesichert, der Nomade und Umherziehende?

Wer hat es in unserer Kindheit abbekommen, wenn die Eltern ungerecht waren? Die Eltern? Aufstand gegen die Autoritäten?

Der Hass richtet sich gegen den Bruder, nicht gegen den Vater, nach unten, nicht nach oben.

Gesellschaftliches Grundgesetz bis heute: Der Neid und der Hass der Zukurzgekommenen und der im Wohlstand Gefährdeten sucht als Ventil die Schwachen, geht nach unten, nicht nach oben.
AfD wählen nicht nur Arbeitslose, sondern auch gut bürgerliche Kreise.

Autorität greift ein – der eben noch ferne, wird zum nahen Gott: Gott Vater ruft den Sohn zur Besinnung: Anthropomorphe Gottesbegegnung – Gott redet unmittelbar zu Kain, ohne Kult Ort, ohne Kult, ohne Vermittler in Form eines Priesters.

Therapeutische Intervention: Warum ergrimmst du und warum senkst du den Blick?

Körpersprache als Ausdruck des Seelenzustandes: Der Blickkontakt reißt ab, Bruder und Gott geraten aus den Augen, der in sich gekrümmte Mensch, der nur noch sich selbst sieht, das, was ihm widerfahren ist.

Exkurs: Was heißt in diesem Kontext „fromm"? Wikipedia. „Das althochdeutsch-gotische frum beinhaltet ein ethisches Verhaltensmoment als der Ehrfurcht vor dem Leben und dem Gehorsam gegen die Ordnungen des Lebens."
Fromm = in Kontakt mit dem Leben, das über mich hinausgeht, in Verbindung mit den Geschwistern und der Schöpfung.

Nicht fromm: Es lauert die Sünde vor der Tür und nach dir hat sie Verlangen – die Selbstverkrümmung, der Abriss des Kontakts liefert mich einer gefährlichen Dynamik aus, ruft Kräfte hervor, die mächtiger sind als ich.

„Du aber herrsche über sie" – es gibt keine Ausrede: Auch der in sich verkrümmte Mensch bleibt verantwortlich für sein Tun. Wer die Tür zum Raubtier in sich öffnet, wird schuldig.

Der Vater ist als Therapeut der falsche. Kain kann nicht auf ihn hören. Er tut erst recht, wovor ihn der Vater warnt: klassisch pubertäre Reaktion. Erwachsenwerden heißt, etwas zu tun oder zu lassen, obwohl die Eltern dazu geraten haben...

Kain erschlägt Abel. Aber er meint nicht Abel. Er erschlägt den Liebling des unangreifbaren Vaters.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit als Gewalt folgen diesem Muster: Der Staat, die Eliten sind nicht greifbar. Also vergreift man sich am angeblichem „Liebling" der Eliten, den Geflüchteten, die behaupteter Weise alles bekommen, was einem selbst versagt wird.

„Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder?" Das Blut eines jeden Menschen schreit zu Gott – er fragt nach jedem und jeder, die auf ungerechte Weise starb. Nicht nur wo Blut fließt. Auch dort, wo sie still ertrinken – weit weg.

„Bin ich meines Bruders Hüter" – der Klassiker der Ausreden. Jeder trägt solche Ausreden in sich: Was müssen sie auch aufs Mittelmeer aufbrechen. Wissen doch, wie gefährlich das ist. Können doch zuhause bleiben – warum begeben sie sich denn in solche Gefahren. Wer sich in Gefahr begibt, wird darin umkommen.
Alle Ausreden zeugen von Selbstverkrümmung, von Nabelschau, von abgerissenem Blickkontakt zum Bruder, zur Schwester. Wer hinschaut, dem bleiben alle Ausreden im Hals stecken.

Der strafende Gott ist zugleich der fürsorgliche Gott.
Entgegen späterer Gesetze des Mose: Kain muss nicht sterben.
Die Strafe ist begrenzt: Der Ackerbauer wird zum Nomaden gemacht. „Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden"!
Der Mörder darf leben – Gott will das Leben, auch für den Mörder. Er muss aus der Gemeinschaft gehen, da sein Anblick eine Zumutung für die Gemeinschaft ist. Aber er darf leben. Nomadentum als Resozialisierungsprogramm.

Kain ist ein Mörder wie jeder andere: „Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte..." Ohne Mitleid für den Bruder, aber voller Selbstmitleid als Täter. Tagtägliche Erfahrung in der Gefängnisseelsorge. Wehleidige Täter voller Selbstmitleid. Hadernd und handelnd mit ihren Richtern. Ausdruck ihrer Selbstverkrümmung, die mit dem Mord ja nicht geheilt ist – die Selbstbezogenheit geht weiter.

Gott lässt mit sich handeln. „Und der Herr machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände." Kein Schandmal, keine soziale Brandmarkung, sondern göttliches Schutzzeichen, das die Blutrache verhindert. Der Mörder soll zur lebenden Warnung vor dem Mord werden. Eine jüdische Auslegung: Gott schnitzte Kain einen Buchstaben seines Namens – JHWH – in die Stirn. Brandmarkung in späteren Zeiten drehen Bedeutung genau um – nicht Schutz, sondern dauerhafte Verfolgung und Ausschluss aus der Gemeinschaft, Strafe ohne Grenze. Unterschied zwischen menschlichem und göttlichem Richter.

Barmherzigkeit und Recht: Der Täter ist unbarmherzig – das ruft das Bedürfnis nach Rache hervor. Rache senkt den Blick, verliert den Kontakt zum Täter. Recht, das Rachebedürfnisse befriedigt, macht sich dem Täter gleich: Es verkrümmt sich in der Wut, der Abscheu und dem Entsetzen vor dem Täter, verliert den Kontakt zu ihm als Bruder, zu ihr als Schwester. Recht, das Barmherzigkeit kennt, bleibt in Kontakt, lässt das Tier der Rache nicht durch die Tür.

T 35 Dona la Pace, Seniore