Predigten

Einführung der neuen Konfirmandengruppe

Predigt zur Einführung der neuen Konfirmandengruppe
Predigttext: Lukas 19, 1 - 10, Jesus und Zachäus
Prediger: Pfr. Andreas Friede-Majewski

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott unserem Vater und unserem Bruder und Herrn, Jesus Christus. Amen

Wir hören den Predigttext für diesen Gottesdienst, eine Geschichte aus dem Evangelium des Lukas.

Predigttextlesung Nils und Hugo

Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden,

einige von euch fragen sich vielleicht immer wieder: Warum lache ich eigentlich ständig – obwohl ich es gar nicht will? Andere beschäftigt, warum sie noch so klein sind und nicht so schnell wachsen wie die anderen. Mädchen stellen fest, dass sie in kurzer Zeit die Figur einer erwachsenen Frau bekommen haben. Wieder andere quält, warum sie kräftiger sind als andere. Und so hat jeder und jede in diesem Alter so seine Fragen. Wer sie nicht hat, ist noch ein Kind. Die kennen diese Fragen nicht. Aber in eurem Alter bricht ein entscheidendes Lebensthema auf: Wer bin ich? Wie sehen mich die anderen? Und wer kann und will ich für sie sein?

Wer bin ich: Um rein äußerlich Antwort auf diese Frage zu bekommen, kann ich mich vor einen Spiegel stellen. Viele von euch werden das ausführlich tun. Um sich die Haare zu stylen, Pickel zu bekämpfen, sich zu schminken. Dieses Bild, das euch da aus dem Spiegel anschaut, wird ständig verglichen mit den Bildern, die ihr im Kopf habt und die euch sagen, wie ihr eigentlich aussehen müsstet. Bilder aus Filmen und dem Netz, Bilder von Stars, die ihr bewundert, Bilder aus Youtube-Filmen eurer Influenzer und von Plakatwänden, die euch alle zurufen: So musst Du aussehen, so musst du sein. Und deshalb steht man meistens in eurem Alter vor dem Spiegel und es gefällt einem ganz und gar nicht, was man sieht. Aber das sind ja nur die Äußerlichkeiten. Denn der Spiegel sagt euch ja nicht, wie die Anderen euch sehen. Das lest ihr in ihren Gesichtern, hört ihr aus ihren Bemerkungen, spürt ihr im Umgang miteinander. Und leider hört man da nicht nur Bestärkendes und Beruhigendes, Aussagen, die euch stark und selbstsicher machen. Ganz im Gegenteil. Oft genug sehen die Anderen ja genau das, was einem selbst auch nicht passt und sprechen es gnadenlos aus. Denn wer einen Anderen klein und fertig machen kann, der steht ja selbst ein wenig besser da. Auf dessen Schwächen wird dann nicht so geschaut. So lästern die Kleinen über die Dicken, die Dicken über die Kleinen, die mit Pickeln dizzen Andere wegen der Kleidung, die kein Geld für Markenkleidung haben, schlagen einfach mal zu und so macht sich einer und eine auf Kosten der Anderen größer, als er, als sie ist. Willkommen im Haifischbecken des Lebens. In einem solchen Haifischbecken lebte auch Zachäus, dessen Geschichte wir gerade hörten. Wenn Zachäus auf der Straße Menschen begegnete, wechselten sie die Straßenseite. Oder spuckten aus. Zachäus war in seinem Ort das letzte – entschuldigt die drastische Wortwahl – Arschloch. Niemand redete mit ihm. Keiner besuchte ihn. Dabei war er reich, hatte richtig Kohle. Aber für die Art, wie er die verdient hatte, hassten ihn alle. Wenn einer wusste, was Dissen ist, was Ablehnung und Anfeindung ist, dann er. Auf die Frage „Wer bin ich" konnte Zachäus nur antworten „Reich, aber der letzte Dreck." An dem Tag, von dem die Geschichte erzählt, läuft die ganze Stadt zusammen. Alle wollen einen Mann sehen, von dem die tollsten Geschichten erzählt werden, der aber noch nie in Jericho war. Ein Mega-Influenzer seiner Zeit. Einer, der gut erzählt und predigt; von dem die Leute sagen, er könne Kranke heilen; einer, der sich aber auch mit den Priestern und Lehrern anlegt und ganz neue Ideen verbreitet: „Liebet eure Feinde" soll er gesagt haben. Muss man sich mal vorstellen, was ein Unfug, wo kommen wir denn da hin? Naja, alle sind neugierig und versammeln sich auf dem Marktplatz. Viele werden gekommen sein, weil Freunde hingingen; weil die Eltern sie mitgeschleppt haben. Weil halt alle hingegangen sind. Genau so, wie man in Konfi geht. Weil Freunde gesagt haben, ist ganz okay da. Weil alle es machen; weil die Eltern es wollen. Oder weil es am Ende ein Fest und viele Euros gibt. Also, damals wurde keiner gefragt, warum er gekommen ist und so halten wir es auch heute. Die Wenigsten werden gekommen sein, damals wie heute, weil sie Jesus schon kannten und von ihm begeistert waren. Auch Zachäus ist hingelaufen. Und er erlebt, was er immer erlebt. Man schubst ihn weg „Hau ab du Zwerg", er sieht nichts, weil er sehr klein ist und man ihn ganz nach hinten drängt. Er muss sich dumme Bemerkungen anhören, Gewalt aus dem Wege gehen und Drohungen abprallen lassen. Am Ende stinkt es ihm und um all dem zu entfliehen klettert Zachäus auf einen Maulbeerbaum. Da sieht er alles und wird nicht gesehen und er hat seine Ruhe. Seht, so kann man sich auch in Konfi einrichten. Ihr klettert auf keinen Baum. Ihr nehmt das Handy mit in den Gottesdienst, spielt ein Spiel, haltet ein Schwätzchen, macht ein wenig Spaß und bringt Andere zum Lachen. Ihr zieht euch quasi in eure eigene Welt zurück, die ihr kennt, die vertraut ist und schaut ein wenig zu, wie das so ist, Gottesdienst und Konfi. Aber ihr erwartet nichts groß, es geht euch eigentlich nichts an. Es ist fremd und langweilig. Wer wird das schon sein, dieser Jesus. Mir wird er nichts zu sagen haben. Was mich beschäftigt ist ihm sicher egal. So dachte auch Zachäus. Aber er war dabei – und ihr seid dabei. Und das ist gut so. Selbst wenn ihr erst mal auf dem Baum sitzt und wartet, was da kommt und nicht viel erwartet. So fing das bei Zachäus auch an und nach ihm bei vielen, die zum Glauben kamen. Dabei sein ist erst mal alles. Alles Weitere, was dann geschieht, kommt nicht durch Zachäus in Gang. Auch nicht durch all die Anderen, die da gekommen sind, so viel besser und edler ihre Absichten vielleicht auch waren als die des Zachäus. Darin steckt eine wichtige Botschaft für uns Teamer und Teamerinnen, für den Pfarrer und die Gemeinde: Nicht wir sind es, die euch von eurem Beobachtungsbaum runterholen und für Jesus begeistern können. Zachäus hockt also auf seinem Baum und sieht, wie der Erwartete auf den Marktplatz zukommt, in die Menge eintaucht, begeistert begrüßt wird und durch die Menge geht. Er bleibt nicht stehen, sondern schiebt sich durch die Menschen, Hände strecken sich nach ihm aus, er segnet Kinder, Kranke berühren ihn und weinen, er redet ein paar Worte, berührt auch sie und geht weiter. Er sucht Schatten, um zu den Menschen zu reden und kommt so zielstrebig auf den Maulbeerbaum zu. Und dann steht er vor dem Baum, schaut verwundert hoch zu Zachäus, wechselt leise ein paar Worte mit nahe bei ihm stehenden Stadtbewohnern, Zachäus hört den gehässigen Ton ihrer Antworten und dann schaut Jesus zu ihm hoch und ruft: „Zachäus, komm bitte da runter. Ich will heute dein Gast sein." Fast wäre Zachäus vom Baum gefallen. Hat er sich verhört? Jemand will bei ihm zu Gast sein? Und nicht irgendjemand, sondern dieser Mann, von dem alle so bewundernd reden, den sicher alle gerne als Gast hätten? Da stehen mehr als zweihundert Leute, die Priester sind da, die Lehrer, die Dorfältesten. Es ist üblich, dass ein Ehrengast zu ihnen kommt, in ihren Häusern bewirtet wird. Damit hat Zachäus niemals gerechnet. Dass dieser Jesus ausgerechnet etwas von ihm will. Das ist eine gute Geschichte für uns. Auch wenn du nicht damit rechnest: Irgendwann in diesem Konfirmandenjahr wird Jesus vor deinem Baum stehen. Du wirst auf einmal spüren: Das geht ja mich an! Der meint mich. Dieses Bibelwort, dieses Gebet, dieses Lied spricht zu mir, passt zu meinen Problemen, zu meinem Alltag. Dein Herz wird brennen, es wird eine Unruhe in dir sein, weil du spürst: Da ruft mich einer von meinem Baum runter, will eine Entscheidung von mir, will in meinem Herzen, in meiner Seele einen Platz als Gast haben. Der fragt nicht danach, ob ich eigentlich doch nur die Kohle wollte. Der meint es ernst mit mir. Wir können euch nur immer wieder auf dem Platz versammeln, auf den Jesus kommt. Im Unterricht, in den Veranstaltungen der Gemeinde, im Gottesdienst. Wir wissen: Er kommt, er ist unsichtbar da und kann euch das spüren lassen. Und wir wissen auch: Er selbst wird euch Erfahrungen machen lassen, wie Zachäus sie machte, Erfahrungen, die euch sagen: Er ruft mich. Was dann kommt, ist nicht in unserer Hand und auch Jesus konnte es nicht erzwingen. Zachäus hätte dicht machen können. Er hätte auf seinem Baum bleiben und Jesus abblitzen lassen können. Er wusste ja nicht, was jetzt passieren würde. Was der von ihm wollte. Wie der sich in sein Leben einmischen würde. Er hätte ja gar nicht sagen müssen: „Ich will dich aber nicht als Gast". Er hätte eine der tausend Ausreden verwenden können. „Hab keine Zeit. Hab schon was Anderes vor. Bin nicht da. Hab was ganz Wichtiges vor. Bei mir ist nicht aufgeräumt. Die Köchin ist gerade in Urlaub." Ausreden gibt es immer, wenn wir nicht wollen. Auch für euch, wenn ihr spürt, dass ihr gerufen werdet: „Ist mir peinlich. Bei uns ist keiner richtig fromm. Ich mag die anderen Jugendteamer nicht. Kirche ist doch was für alte Leute. Meine Freunde haben alle nichts mit Kirche am Hut." Ja, es gibt Viele, die lieber auf dem Baum sitzen bleiben. Oder in der Masse stehen bleiben. Und Jesus wegschicken. Schade. Die Jesus nicht weggeschickt haben, wissen, dass es ein großer Fehler ist, ihn wegzuschicken – aber das sind ihre Erfahrungen und die kann ich anderen Menschen nicht überstülpen.

Zachäus steigt sofort runter. Seine Sehnsucht nach Gemeinschaft, nach einem Gast ist größer als alles Andere. Sicher war er auch stolz, es mal der ganzen Stadt zeigen zu können: „Hey, er kommt zu mir, Zachäus, nicht zu euch, ihr Nasen!" Er rennt nach Hause und lässt sicher Küche und Keller auffahren, was er hat. Seht, Zachäus war deshalb kein anderer Mensch. Er war vielleicht noch nicht mal von Jesus begeistert, sondern wollte einfach mal wieder etwas Gemeinschaft. Klar, die Gründe, sich in der Gemeinde zu engagieren, Jesus ein bisschen rein zulassen, vielleicht Jugendteamer zu werden, sind oft auch ganz banal. Ich finde Gemeinschaft, gehöre dazu, habe neue Freunde, mach Dinge, die mir sowieso Spaß machen, finde Anerkennung und Bestätigung. Ich bin dabei, mache mit, gehöre dazu und das tut gut. Deshalb bin ich noch nicht besonders fromm oder hab kapiert, um was es wirklich geht. Klar, so war das bei Zachäus und so ist das auch heute. Jesus reinlassen, mitmachen, von der Beobachterwarte runterkommen ist der erste Schritt des Glaubens – immer. War bei mir so, war sicher bei Vielen so, die in der Gemeinde aktiv sind.

Wenn es gelingt, dass eine, dass einer, vom Baum steigt wie Zachäus, wird es spannend. Wenn du Jesus rein lässt, als Gast aufnimmst, kommt etwas in dir in Gang. So wie bei Zachäus. Jesus kommt, sie essen und trinken zusammen, sie feiern und sind fröhlich. Und sicher wartet Zachäus den ganzen Abend, dass Jesus anfängt, ihn zu kritisieren. Ihm seine Fehler vorhält. Ihm sagt, was er eigentlich für ein Schwein ist. Macht er aber nicht. Er feiert mit ihm. Er lässt ihn Freundschaft spüren, nimmt Zachäus so, wie er ist. So klein, so gerissen, so betrügerisch, so habgierig wie er nun mal ist. All die herabsetzenden Sprüche, die Verachtung, die Vorwürfe, die er sonst immer hören muss, spielen an diesem Abend und in dieser Nacht keine Rolle. Jesus gibt ihm das Gefühl, auf einer Ebene mit ihm zu sein. Und er sagt ihm das auch: Zachäus, du bist genau so ein Kind Gottes wie ich.
Ja, das wünsche ich mir für dieses Jahr: Dass ihr in dieser Gemeinde spüren dürft, was ihr wert seid. Dass ihr hier so akzeptiert seid, wie ihr seid. Mit allen Macken. Auch, wenn wir Grenzen setzen und sagen: Das war nicht okay. Dass ihr dann trotzdem spürt: Ich bin akzeptiert, auch wenn mein Verhalten jetzt nicht akzeptiert wurde. Wir wollen versuchen, euch im Geist Jesu zu begegnen, der Menschen wie Zachäus annehmen konnte, obwohl er natürlich auch nicht gut fand, wie Zachäus sein Geld verdiente. Wir sind als Pfarrer, als Teamerin und Teamer nicht besser als ihr, weil wir nicht rumkichern, im Gottesdienst schwätzen oder was auch immer es an euch auszusetzen geben mag. Haben wir auch alles mal gemacht und sind damit unseren Pfarrern auf die Nerven gegangen. Ja, auch wenn wir auf die Einhaltung von Regeln achten, wollen wir eine Gemeinschaft werden, in der ihr euren Platz habt, willkommen seid, spürt, dass ihr wichtig seid. Kinder Gottes, wie wir.

Damals ging die Nacht so langsam zu Ende. Und vor dem Ende des Festes musste Zachäus noch was loswerden. Er wusste doch selbst, was nicht okay war in seinem Leben. Aber solange es ihm wieder und wieder vorgeworfen wurde, wehrte er sich, blockte ab. Aber am Ende dieses Abends konnte er Jesus sagen, was nicht okay war mit ihm. Und Jesus hörte schweigend zu. Er hörte auch zu, wie Zachäus versprach, gut zu machen, was er wieder gut machen konnte. Er spürte, wie schwer es Zachäus fiel, das alles auszusprechen. Und dann sagte er zu Zachäus: Zachäus, jetzt ist etwas in dir wieder heil und ganz geworden. Nicht nur für dich, sondern für deine ganze Familie und alle, die mit dir zu tun haben.

Ich glaube, so geht es uns allen. Wir wissen ja, was nicht okay ist in unserem Leben. Aber es fehlt uns oft die Kraft, es zu ändern, so wie Zachäus. Aber wenn wir durch Gottes Geist stark gemacht werden, wenn gute Worte uns aufbauen, wenn Menschen uns spüren lassen, dass wir für sie wichtig sind: Dann bekommen wir die Kraft, uns zu ändern und ändern uns, vielleicht zu unserer eigenen Überraschung.
Wir wünschen euch für diese Zeit Erfahrungen, wie sie Zachäus gemacht hat: Dass ihr aus dieser Zeit nicht unverändert weg geht, dass etwas in euch und mit euch geschieht. Nicht durch uns und nicht durch euch selbst. Sondern durch den lebendigen Gott, durch Jesus Christus, dessen Geist auch heute wirkt, wo und wie er will und euch und uns überrascht mit dem, was in ihm steckt.
Schön, dass ihr dabei seid!

Gottes Geist, der Zachäus vom Baum geholt und verändert hat,
begleite und bewahre euch und uns in diesem gemeinsamen Jahr und forme uns zu einer Gemeinschaft im Geist Jesu.
Amen