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20. Sonntag nach Trinitatis

Predigt am 20. Sonntag nach Trinitatis
Predigttext: Zu 1. Samuel 28 - Saul bei einer Weissagerin
Prediger: Pfr. Andreas Friede-Majewski


3 Samuel aber war gestorben,
und ganz Israel hatte ihm die
Totenklage gehalten und ihn
begraben in seiner Stadt Rama.
Und Saul hatte die Geisterbeschwörer
und Zeichendeuter aus dem Lande vertrieben.

4 Als nun die Philister sich versammelten
und herankamen und sich lagerten
bei Schunem, versammelte Saul
auch ganz Israel, und sie lagerten
sich auf dem Gebirge Gilboa.

5 Als aber Saul das Heer der
Philister sah, fürchtete er sich,
und sein Herz verzagte sehr.

6 Und er befragte den HERRN;
aber der HERR antwortete ihm
nicht, weder durch Träume noch
durch das Los »Licht« noch durch
Propheten.

7 Da sprach Saul zu seinen Getreuen:
Sucht mir ein Weib, das Tote beschwören
kann, dass ich zu ihr gehe und sie befrage.
Seine Männer sprachen zu ihm: Siehe,
in En-Dor ist ein Weib, das kann Tote
beschwören.

8 Und Saul machte sich unkenntlich
und zog andere Kleider an und ging
hin und zwei Männer mit ihm, und
sie kamen bei Nacht zu dem Weibe.
Und Saul sprach: Wahrsage mir,
weil du Geister beschwören kannst,
und hole mir herauf, wen ich dir nenne.

9 Das Weib sprach zu ihm: Siehe, du
weißt doch selbst, was Saul getan hat,
wie er die Geisterbeschwörer und
Zeichendeuter ausgerottet hat im
Lande; warum willst du mir denn
eine Falle stellen, dass ich getötet
werde?

10 Saul aber schwor ihr bei dem
HERRN und sprach: So wahr der
HERR lebt: es soll dich in dieser
Sache keine Schuld treffen.

11 Da sprach das Weib: Wen
soll ich dir denn heraufholen?
Er sprach: Hol mir Samuel herauf!

12 Als nun das Weib merkte,
dass es um Samuel ging, schrie
sie laut und sprach zu Saul:
Warum hast du mich betrogen?
Du bist Saul.

13 Und der König sprach zu ihr:
Fürchte dich nicht! Was siehst du?
Das Weib sprach zu Saul: Ich sehe
einen Geist heraufsteigen aus
der Erde.
14 Er sprach: Wie ist er gestaltet?
Sie sprach: Es kommt ein alter Mann
herauf und ist bekleidet mit einem
Priesterrock. Da erkannte Saul,
dass es Samuel war, und neigte
sich mit seinem Antlitz zur Erde
und fiel nieder.

15 Samuel aber sprach zu Saul:
Warum hast du meine Ruhe
gestört, dass du mich heraufsteigen
lässt? Saul sprach: Ich bin in großer
Bedrängnis, die Philister kämpfen
gegen mich, und Gott ist von mir
gewichen und antwortet mir nicht,
weder durch Propheten noch durch
Träume; darum hab ich dich rufen
lassen, dass du mir kundtust,
was ich tun soll.

16 Samuel sprach: Warum willst
du mich befragen, da doch der
HERR von dir gewichen und
dein Feind geworden ist?

17 Der HERR hat dir getan, wie er
durch mich geredet hat, und hat
das Königtum aus deiner Hand
gerissen und David, deinem Nächsten,
gegeben.

19 Dazu wird der HERR mit dir
auch Israel in die Hände der
Philister geben. Morgen wirst
du mit deinen Söhnen bei mir sein.
Auch wird der HERR das Heer Israels
in die Hände der Philister geben.

20 Da stürzte Saul zur Erde, so lang
er war, und geriet in große Furcht
über die Worte Samuels. Auch war
keine Kraft mehr in ihm; denn er
hatte nichts gegessen den ganzen
Tag und die ganze Nacht.

 

Gnade sei mit euch und Frieden von Gott, und von Jesus Christus, unserem Herrn und Bruder. Amen

Liebe Gemeinde,

worauf kann ich mich verlassen in einer Zeit, in der sich alles rasend schnell ändert? In der Dinge geschehen, die uns vor nicht allzu langer Zeit undenkbar schienen. Wer hat vor 10 Jahren daran gedacht, dass nahezu jeder heute ein Smartphone besitzt? Dass Jugendliche ständig darüber in Kontakt mit ihren Freunden sind? Dass das Telefon die Fotokamera nahezu verdrängt? Wer hätte daran gedacht, dass 4 amerikanische Firmen mehr über jeden Einzelnen von uns wissen als der ganze Rest der Welt? Wer hätte 1989, als die Mauer fiel, gedacht, dass wir 30 Jahre später nicht in einer friedlicheren Welt leben würden, sondern Kriege und Terror weiter das Weltgeschehen bestimmen? Wer hätte vor 5 Jahren Donald Trump für möglich gehalten? Oder darauf getippt, dass Alexander Gauland eine rechtsradikale Partei mit zweistelligen Ergebnissen in die Parlamente führen würde? Ich könnte diese Aufreihung noch lange fortsetzen. Wenn wir über die letzten 30 Jahre zurückschauen, müssen wir erschrocken feststellen: Unsere Phantasie und unsere Kenntnisse reichen nicht aus, um uns auch nur annähernd vorzustellen, wie unser Leben und unsere Welt in 30 Jahren aussehen werden. Der technisch-wissenschaftliche Wandel und seine Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, auf unsere Umwelt und auch auf das gesellschaftliche Zusammenleben und seine Strukturen ist so rasant, dass er jede zuverlässige Prognose unmöglich macht. Was gestern war, wird morgen nicht mehr sein. Die Sicherheiten von heute zerbrechen übermorgen.
Das beschäftigt viele Menschen. Sie erleben, dass die vertraute Welt nicht mehr vertraut ist. Sondern fremd und unheimlich. Es fehlt oft das Wissen und die Bildung, all die Veränderungen verstehen zu können. Es wächst die Sehnsucht, es möge alles so bleiben, wie es ist. Oder noch besser: Wieder so sein wie früher. Die Verunsicherung bringt Menschen dazu, nach etwas zu suchen, was sich nicht verändert. Was bleibt, Bestand und Halt gibt, Geborgenheit schenkt. Das ist sehr oft die Familie. Aber auch die Familie ist nicht mehr der ruhige Hort der Geborgenheit. Zumeist müssen beide Eheleute arbeiten, um einigermaßen zurecht zu kommen. Es bleibt immer weniger Zeit füreinander in der Familie. Unter der Doppelbelastung von Haushalt, Kinder und Beruf geraten viele Ehen in die Krise. Die Normalfamilie heute ist eher die Patchworkfamilie – also eine Familie, die sich auch immer wieder ändert. Auch die Arbeit, der Beruf, geben immer weniger Halt. Berufsbiographien, in denen ein Mensch 25, 30, 40 Jahre in einem Beruf ist oder gar in einer Firma werden seltener. Auch hier gilt: Das Berufsleben ist von ständigem Wechsel geprägt. Die Reihe ließ sich fortsetzen: Die Vereine, die Parteien, die Kirchen, die Nachbarschaft, ja selbst die Freundeskreise, alles ist im Fluss, Vieles verliert auch an Bedeutung.

Aber wir brauchen als Menschen Verlässlichkeit, Vertrautheit, einen festen Halt unter den Füßen des Lebens. Das treibt Menschen wieder zu Überzeugungen von scheinbar unveränderlichen Werten und Größen: Die Nation, das Volkstum, das Blut, die Rasse, die glorreiche Geschichte des eigenen Volkes. Die Angst vor der Zukunft, die Sorgen der Gegenwart werden mit der Hinwendung zur Vergangenheit und ihrer Beschwörung vertrieben. Davon leben alle nationalen, nationalistischen und rassistischen Bewegungen der Vergangenheit und der Gegenwart. Man beschwört die Geister der Vergangenheit um die Angst vor dem Morgen zu verlieren.
Womit wir bei Saul wären, dem ersten König Israels. An ihm erzählt die Bibel exemplarisch, wie wir Menschen in der Sehnsucht, unser Leben in den Griff zu bekommen, scheitern. Sie erzählt von der Größe und der Erbärmlichkeit des Menschen. Es ist ein nüchterner Blick auf den ersten König der Geschichte Israels und ein nüchterner Blick auf uns.

Die Geschichte setzt mit der Feststellung ein, dass Samuel, der erste Prophet Israels, gestorben ist und begraben wurde und das ganze Land ihn beklagt hat. Samuel war Sauls Verbindung zu Gott. Er hatte Saul an die Macht gebracht, ihn groß gemacht. Aber er hatte Saul immer daran erinnert, dass es einen König über ihm gab, den Gott Israels, dessen Ordnungen und Gebote auch für den König galten. Sauls Macht war durch die Macht Gottes begrenzt und das passte ihm nicht: Saul wollte seine Macht nicht mit Gott und seinem Propheten teilen. Saul löste sich von Gott und tat, was er wollte. Daher schwieg Gottes Stimme. Daher schwieg auch Samuel, als er noch lebte. Er hatte Saul gesagt, dass Gott David an seiner Stelle zum König machen werde. Danach schwieg er.

Seht, was die Bibel hier erzählt, erzählt sie über uns, über den Menschen, auch wenn sie von Saul erzählt. Die Bibel sieht uns Menschen als Geschöpfe Gottes, die nicht autonom sind. Sie sieht uns gebunden an das Wort und das Gebot Gottes. Diese Bindung gibt dem Leben Bestand, einen festen Grund in allem Wandel. Wenn ein Mensch, wie Saul, diese Bindung löst, nicht mehr nach Gott fragt, verliert er seinen Halt und seine Orientierung. Wie Saul.

Auch Saul lebt in einer Zeit ständigen Wandels. Gestern hat er gemeinsam mit David seine Feinde, die Philister, besiegt. Heute kämpft David auf Seiten der Philister und die Philister sind mit einer militärischen Übermacht aufmarschiert. Saul fürchtet sich vor der Zukunft. Sein Herz verzagt, sagt die Bibel. Es hat keinen Halt, keine Orientierung mehr. Saul sucht danach: In Träumen, im Orakel, bei anderen Propheten. Aber es gibt kein Licht, es gibt keine Erleuchtung und keine Stimme, die ihm sagt, wo es langgeht. Saul wollte in einer gott-losen Welt leben, um zu tun, was er wollte. Jetzt lebt er in einer gott-losen Welt und ist auf sich gestellt.
Was tut ein zutiefst verunsicherter, ängstlicher Mensch, der keinen Halt in sich hat? Die Geschichte antwortet sehr klug: Er beschwört die Vergangenheit, er beschwört die Toten. Das war in Sauls Umwelt gang und gäbe. Man kann das Totenorakel am Fluss Styx in Griechenland heute noch besichtigen. Aber in Israel ist die Beschwörung der Toten ein Tabu. Der lebendige Gott redet nicht durch Tote. Saul selbst hat diese Grenze wohl gezogen und die Toten- und Geisterbeschwörer des Landes verweisen lassen. Jetzt überschreitet er selbst diese Grenze und geht nach En-Dor zur Bauchrednerin, so übersetzt die griechische Ausgabe des Alten Testamentes. Entsetzt erkennt die Frau, wer da zu ihr gekommen ist und rechnet mit dem Schlimmsten, dem Tod. Erst als Saul ihr zusichert, dass er ihr Leben verschont, beginnt sie mit ihrem Ritual.
Sie hat, trotz des königlichen Verbotes und der Verbannung, überlebt und weiter ihr Gewerbe bewahrt. Weil es immer Menschen gibt, die sich vor der Zukunft fürchten, die haltlos und ohne Geborgenheit leben und Zuflucht zur Vergangenheit suchen. Die Beschwörer der Vergangenheit, auch die politischen Beschwörer bei Pegida, der AFD, den Identitären und anderen neurechten Bewegungen, leben von den Zukunftsängsten und Gegenwartssorgen der Menschen, die keinen inneren Halt haben.

Mit keinem Wort beschreibt die Bibel, was die Totenbeschwörerin dann tut. Unbedingt will der Erzähler vermeiden, dass er eine Anleitung zum Totenbeschwören schreibt. Saul sieht nichts. Er befragt die Frau, wen sie sieht und sie beschreibt ihm einen alten Priester. Saul sieht, was er sehen will, wen er sehen will. So ist das, wenn die Vergangenheit, die Toten beschworen werden: Man sieht nur das, was man sehen will. So ist es auch mit der politischen Totenbeschwörung, die die Gespenster des Nationalsozialismus und des zweiten Weltkrieges heute wieder heraufbeschwören. Sie beschwören Stärke, Heldentum, Macht, Sieg, nur Glanz und Gloria. Sie verschweigen Verfolgung, Massenmord, Tyrannei und Menschenverachtung.

Saul hört die Stimme Samuels. Nicht umsonst heißt die Frau in der griechischen Bibel Bauchrednerin. Gemeint ist damit aber nicht das, was wir heute darunter verstehen. Gemeint ist ein Mensch, aus dem ein Geist spricht, der, oft in Trance, mit fremder Stimme und fremder Persönlichkeit Botschaften weitergibt, die angeblich aus dem Totenreich kommen.
Was hat Samuel Saul zu sagen? Nichts hat er ihm zu sagen, was Saul nicht schon längst wüsste. Nichts hat er zu sagen, was er ihm nicht schon zu Lebzeiten gesagt hätte: Gott ist von ihm gewichen. David wird nach ihm König. Und Saul und seine Söhne werden morgen in der Schlacht fallen. Selbst das ist, angesichts der Übermacht der Feinde und der Verzagtheit Sauls als Feldherr, nichts wirklich Neues.
Sauls Beschwörung der Vergangenheit und des Toten endet, wie es enden musste: völlig zerschlagen, am Ende seiner Kräfte und der letzten Hoffnung beraubt, bricht er zusammen.

In der Zuflucht zur Vergangenheit, so lehrt uns diese Geschichte, findet sich kein Halt und keine Orientierung. Die Flucht in die Vergangenheit macht die Ängste und die Befürchtungen vor der Zukunft erst recht groß, ruft Gespenster herbei, die man nicht mehr los wird. Als Häuflein Elend, das sich mit seiner Zuflucht zur Totenbeschwörung endgültig entlarvt und lächerlich gemacht hat und am nächsten Tag als erbärmlicher Feigling durch die eigene Hand sterben wird, lässt die Erzählung Saul zurück.
Wie lässt sie uns zurück? Mit leisem Bedauern für den großen König, der so elend endete? Mit der Ahnung, dass diese Geschichte mehr erzählt als ein längst vergangenes Geschehen? Mit erschrecktem Verständnis für Menschen, die zutiefst verunsichert und verängstigt sind in einer Welt, die sich rasend schnell verändert? Mit Abscheu über die Abgründigkeit der politischen Vergangenheits- und Totenbeschwörer heute, die diese Ängste und Ungeborgenheit ausnutzen?

Nun, wir sind ja nicht frei von diesen Ängsten, frei von der großen Verunsicherung unserer Zeit. Aber wir sind hier, weil hier der Ort ist, an den wir sie bringen können. An dem wir sie dem Unwandelbaren, dem Ewigen, dem Schöpfer Himmels und der Erde, bringen können und bei ihm Zuflucht und Geborgenheit für unser geängstigtes Herz finden:

Ich traue Gott, was soll ich sorgen
Er sagt, er habe auf mich acht.
Ich bin in seinem Schutz geborgen,
mein Schicksal ist mir zugedacht.

Er gibt den Geist mir und das Leben,
der Erde Kraft, des Himmels Tau
So geh ich, von ihm selbst geborgen,
den Weg, dem ich mich anvertrau.

Und wenn einmal die Schatten fallen
und find ich keinen festen Halt
So weiß ich doch, ich bin mit allen
die leiden fest in seiner Hand
So will ich bis ans Ende wandern
bis ich die offne Türe find
Der Tisch lädt ein, mich, und die andern
die dort mit mir Zuhause sind.

Was also soll ich ängstlich sorgen?
Ich traue ihm, dass er mich sieht.
Ich bin in ihm an jedem Morgen
und rühme ihn mit meinem Lied.

Der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen