Evangelische Kirchengemeinde Wiesbaden-Bierstadt

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Impuls zum Tag

Montag, den 3. August 2020

 

Monatsspruch August
Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar gemacht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Psalm 139,14

Liebe Gemeinde, liebe Leserinnen und Leser der Homepage,
ich will mit Gedanken zum Monatsspruch mit Ihnen in diese Woche gehen. Es ist eine Zeile aus einem der ganz großen Gebete der Bibel, dem 139. Psalm. Ein Wort, das uns die Frage stellt: Mit welchen Augen sehen wir uns? Wie denken wir über uns? Wie wertschätzen wir uns?
Die Antworten auf diese Fragen werden uns in unserer Zeit schwer gemacht. Überall können wir in Spiegel schauen. Überall, von Plakatwänden, dem Fernseher, den Zeitschriften, den Laptopbildern, schauen uns perfekte Menschen an. Jung, gesund, mit blendend weißen Zähen, Idealfigur, top modischer Frisur, in der neuesten Mode gekleidet. Bilder einer künstlich erzeugten Traumwelt, die uns suggeriert: So sollst du sein! Und nicht so, wie du bist. Denn das ist ihr Subtext: Das musst du kaufen; das muss du tun; das musst du ändern – damit Du einigermaßen akzeptabel wirst. Für andere Menschen und für dich selbst. Das Ergebnis ist: Es wird schon früh eine chronische Unzufriedenheit mit uns selbst in unsere Seele eingepflanzt. Die nicht besser wird, je älter wir werden. Weil wir uns – das ist der Lauf der Natur – immer mehr von den Idealbildern entfernen.

Wie gut hatte es da doch der Beter des 139. Psalms. Er kannte keine Spiegel. Zumindest keine, die unseren entsprachen. Er konnte sich in ruhenden Wasserflächen spiegeln. Oder, falls er Zugang dazu hatte, in den seltenen Obsidianspiegeln (ab 3000 v. Chr.) oder Metallspiegeln. Sie ahnen, wie die Spiegelbilder aussahen. Der Beter kannte keine „ewig jugendlichen" Vorbilder. Die meisten Menschen starben jung. Krankheiten, mangelnde Zahnhygiene, Verletzungen ließen sie schon früh altern. Aber: er lebte in einer Welt voller Krieg und Gewalt. Er lebte in einer Gesellschaft, in der der Hunger zum Alltag gehörte. Die kleinste Verletzung, die für uns heute harmloseste Krankheit, konnte tödlich sein. Schmerzen mussten ausgehalten werden – es gab nur wenige, natürliche Schmerzmittel. Bei Griechen und Römern lag die durchschnittliche Lebenserwartung gerade einmal bei 30 Jahren. Dennoch stellt er sich in seinem Gebet vor Gott und sagt in tiefer Dankbarkeit: „Ich danke dir, dass ich wunderbar gemacht bin – das erkennt meine Seele." Das ist mehr als ein spontanes Bekenntnis. Das ist eine tief verinnerlichte Lebenseinstellung. Die jüdische Weisheit hat sie weiter zugespitzt mit dem Satz: „Mit jedem Menschen wird die Welt neu geboren – und mit jedem Menschen die Welt verloren." Dieser unendliche Wert jedes Menschenlebens ist die Grundlage des biblischen Menschenbildes, des Selbstbildes der biblischen Menschen und ihres Weltbildes.

„Ich bin wunderbar gemacht – und kann das auch erkennen, anerkennen!" Mit allen meinen Mängeln. Mit allem, was ich an mir nicht leiden kann – oder anderen an mir nicht leiden können. Was für ein Satz, welch eine Medizin für all die Selbstzweifel, die Unzufriedenheit, das Hadern mit uns selbst. Nein, ich bin nicht perfekt – das ist Gott allein. Aber ich bin wunderbar gemacht. Das soll, das kann reichen.
Perfekte Schönheit. Perfekte Tugenden. Perfekte Körper. Das waren in der Antike die Attribute der Götter. Man konnte sie in den überwältigenden Marmorstatuen in ihren Tempeln bewundern. Die Götterbilder – griechisch eidolon – Idole - strahlten eine Herrlichkeit aus, die der Mensch nie erreichen würde. Das mosaische Gesetzt verbot sie. „Du sollst dir kein Bildnis machen." Weder von Gott noch von den Menschen, das galt für Israel. Die Perfektion Gottes, seine Herrlichkeit, Perfektion, sollte unabgebildet bleiben. Sie gehört nicht in die Wirklichkeit des Menschen. Mit der Neuzeit begann der Versuch der „Selbstvergöttlichung" des Menschen. Perfekte Körper, perfekte Schönheit – nicht mehr aus Marmor. Sondern aus menschlichen Körpern. Wir wollen werden wie Gott. Es reicht vielen Menschen nicht mehr, wunderbar gemacht zu sein.
Wie wäre es, diesem Wahn der Selbstperfektionierung mal einen Monat lang an jedem Morgen, wenn Sie die Augen aufschlagen, diesen Satz entgegenzusetzen: Ich danke Dir Gott, dass ich wunderbar gemacht bin. Das erkennt meine Seele." (Naja, noch nicht wirklich...Nicht immer...Ja, langsam vielleicht doch...Jeden Tag mehr...)

Seien Sie Gott befohlen und behütet,
ob sie gesund bleiben oder erkranken!
Ihr Pfarrer Andreas Friede-Majewski